Nutzpflanzen in historischen Gärten


„Kaiserbirne mit Eichenblatt“, „Imperiale à feuille de Chêne“ , „Naples“

Winterbirne

Birnen stehen im Ruf, nicht besonders lagerfähig zu sein. Kaum jemand käme auf die Idee, eine Birne im Keller in eine Steige zu legen, um dadurch im Frühjahr in den Genuss einer halbwegs frischen Frucht zu kommen. Birnen sind „weit weniger haltbar als Äpfel“ schreibt Meyers „Neues Konversations-Lexikon“ im Jahre 1862,(1) und im Allgemeinen ist diese Einschätzung auch sicher richtig.
Doch es gibt auch sehr spät reifende Birnen: „Winterbirnen dürfen vor Ende Oktober nicht abgenommen werden und fangen erst Ende November an zu zeitigen, ja manche Sorten kommen erst im nächsten Frühjahr oder Sommer zu völliger Reife.“(2)
Die „Kaiserbirne mit dem Eichenblatt“ ist eine solche Winterbirne. Bis vor kurzem kannte man sie nur mehr aus historischen Abbildungen und Beschreibungen, bis im Jahre 2002 der “elsässische Birnenpfarrer” Paul Winninger diese Sorte in einer renommierten französischen Baumschule wiederentdeckte und der pomologischen Fachwelt vorstellen konnte.
Die Sorte lässt sich verhältnismäßig leicht identifizieren, denn neben einer beachtlichen Lagerfähigkeit bis „April und Mai“ (Mayer, 1801)(3) hat sie ein sehr auffälliges Merkmal, was nicht die optisch unauffällige Frucht, sondern das Laub betrifft: Es soll, wie der Name schon erahnen lässt, einem Eichenblatt gleichen oder zumindest ähnlich sehen. Duhamel du Monceau beschreibt dies im Jahre 1768 (dt. Ausgabe: 1783)(4) etwas zutreffender mit folgenden Worten: „Das Blat ist […] am Rand dergestalt gerunzelt und wellenförmig gebogen [dass es] eher einem kleinen Blat vom krausen Kohl, als einem Eichenblat gleichet.“
„Kaiserbirne mit dem Kohlblatt“ wäre also passender, aber wohl weniger wohlklingend.
Über die geschmackliche Güte der mittelgroßen, gelben Birne waren sich die Obstgelehrten damals nicht ganz einig: Der Pomologe Adrian Diel schätzte diese Frucht „vom ersten Range“ mit ihrem „gewürzhaften, sehr süßen, ganz eigenen Geschmack“(5), jedoch erreiche sie diese Güte „nur an der Spalierwand“(6).
Die meisten übrigen Pomologen zählten sie zu den Kochbirnen: Erst durch Erhitzen wird sie zart und eignet sich daher gut als Verarbeitungsfrucht in der Küche.

Interessanterweise nennt Duhamel aber noch eine zweite Sorte, die ein gewelltes Blatt aufweist: Die „Naples“. Eine Birne mit diesem Namen findet man bereits bei Jean Merlet (1670)(7), der ihr das Synonym „Feüille de Chesne“ gibt. Laut Johann Prokop Mayer, der die „Naples“ in seiner Pomona Franconica 1801 ebenfalls aufführt „findet man eine große Aehnlichkeit zwischen diesen beiden Birnarten…und besonders das Laub, welches das Unterscheidungsmerkmal der Kaiserin ist, gleichet dem Laube der Neapolitanerin sehr viel.“(8) Gab es nun tatsächlich zwei Birnensorten mit diesem besonderen Blatt? Aufklärung könnte hier ein Blick in den Katalog der Kartäuser-Baumschule von 1787 verschaffen: Denn wo in der Ausgabe zuvor noch beide Birnen unmittelbar hintereinander im Verzeichnis aufgeführt waren, erscheint ab 1787 nur noch eine einzige Sorte: Die „Imperiale à feuille de Chêne“, die „Kaiserbirne mit dem Eichenblatt“.(9)

Michael Degle


Verwendete Literatur:
(1) Hermann J. Meyer: Neues Konversations-Lexikon. Ein Wörterbuch des allgemeinen Wissens. Dritter Band. Hildburghausen 1862, S. 508.
(2) wie Anm. 1.
(3) Johann Prokop Mayer: Pomona Franconica. Band3. Nürnberg 1801, S. 272.
(4) Henri Louis DuHamel DuMonceau, Carl Christoph Oelhafen von Schöllenbach : Pomona Gallica oder Abhandlung von den Obstbäumen. Nürnberg 1783, S. 82.
(5) August Friedrich Adrian Diel: Versuch einer systematischen Beschreibung in Deutschland vorhandener Kernobstsorten. Fünftes Heft. Birnen. Frankfurt am Main 1807, S. 76.
(6) August Friedrich Adrian Diel: Versuch einer systematischen Beschreibung in Deutschland vorhandener Kernobstsorten. Frankfurt am Main 1818, S. 74.
(7) Jean Merlet: Nouvelle Instruction pour connoistre les bons fruits, Paris 1670, S. 77.
(8) wie Anm. 3 S. 273.
(9) wie Anm. 3 S. 273. Mayer verweist auf: „Catalogue des plus excellents fruits, les plus rares et les plus estimés qui se cultivent dans les pépinières des Révérends Pères Chartreux de Paris“. Paris, 1787.



Rezept

"Man schält gute Birne, hackt sie ganz klein, nimmt dazu etwas klein geschnittene Mandeln, in Butter geröstete Semmeln, einige Eier, und etwas Zucker, auch kleine Rosinen und etwas Mehl, und rührt alles wohl untereinander: davon macht man kleine Klöße und bratet sie in Butter, oder kocht sie in Wasser. Eine Brühe dazu macht man von Wein, Zucker, Zitronen=Scheiben und einigen Eiern, und richtet sie über die Klöße an."(10)

Anmerkung zum Rezept:
Die spärlichen bzw. nicht vorhandenen Mengenangaben wurden für 2 Personen folgendermaßen interpretiert:
Klöße: 1,5 mittelgroße Birnen (ich verwendete mangels „Kaiserbirnen mit Eichenblatt“ die Sorte „Abbé Fétel“), 2 EL fein gehackte Mandeln, 2 Scheiben in Würfel geschnittenes Weißbrot, 1 Ei, 2 EL Zucker, 2 EL Rosinen, 2 EL Butter, etwas Mehl, bis der Teig trocken und somit formbar wird. Die Mandeln, Rosinen, und der Zucker wurden zusammen mit dem Brot geröstet, das ergibt einen feinen Karamell - Geschmack. Die Klöße habe ich in Butter ausgebacken, nicht zu heiß, sonst werden sie außen etwas hart.
„Brühe“:1 Glas halbtrockenen Weißwein, ½ Glas Beerenauslese (nach Belieben)
2 Eier, 2 EL Zucker, 3 Scheiben Zitrone. Noch eleganter wird die Angelegenheit, wenn man eine echte Weinschaumsauce zubereitet und Eischnee unterhebt.



(10) Rezept aus: KLOTSCH, Margaretha (1818): Praktisches Kochbuch für Hausmütter und Köchinnen besonders aber für junge Frauenzimmer, welche sich auf ihren künftigen Beruf würdig vorbereiten wollen; Nürnberg, Seite. 79.

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