Nutzpflanzen in historischen Gärten


Die Schwarzwurzel

(Scorzonera hispanica L.)

Botanik und Pharmazie des 19. Jahrhunderts behandeln die Schwarzwurzel in einer Vielzahl von allgemeinen und speziellen Publikationen. Wie der Name schon erahnen lässt, wird ihre Herkunft auf die iberische Halbinsel zurückgeführt. Etwa Mitte des 16. Jahrhunderts soll sie von Afrika nach Spanien gebracht worden sein.(1) Möglich erscheint es aber auch, dass sie bereits vor 1492 nach Spanien kam, was aber entweder keine Erwähnung in der Literatur findet oder indirekt negiert wird.(2)
Erstmals erwähnt der italienische Botaniker Piedro Andrea MATTIOLI (1501-1577) die Scurzonera Mitte des 16. Jahrhunderts.(3) Im "Kreutterbuch" MATTIOLIS wird die Pflanze auch "Schlangenmord" genannt. MATTIOLI berichtet, das "Kraut ist newlich in hispania in die kundschafft unnd in beruff kommen/sol vielen Menschen geholffen haben/die von Schlangen gestochen unnd gebissen sindt worden"(4). Der Pflanze wurde also eine Heilwirkung gegen Schlangengift zugesprochen. Weiter leitet er den Namen scurzonera aus dem Spanischen ab: "dann Scurzo oder Escorzo, heist in Spanischer Sprache ein Schlang".(5) Der Name "Schlangenmord" ergibt sich wahrscheinlich aus der Annahme, dass ein Tropfen der Pflanze eine Schlange zum Erstarren bringe könne. FISCHER-BENZON jedoch widerlegt die Worterläuterung MATTIOLIS, die vielfach übernommen wurde, und führt den Begriff auf eine schwarze Giftschlange zurück, die im Italienischen den Namen "scorzone" trägt.(6) Auch DE CANDOLLE teilt die Kritik, leitet den Namen jedoch aus dem Französischen von "écore noire" (Schwarzrinde) und somit vom Aussehen und nicht von der angeblichen Wirkung ab.(7)
Im vom deutschen Pharmazeuten Philipp Lorenz GEIGER (1785-1826) begründeten Handbuch der Pharmazie wird berichtet, dass die Pflanze aufgrund ihrer angeblichen Wirkung gegen Schlangenbisse an den böhmischen Königshof geschickt und deswegen von MATTIOLI in sein Werk aufgenommen worden sei.(8) MATTIOLI führt eine ähnliche Begebenheit an.(9)

Als Küchenpflanze ist die Schwarzwurzel erst im 17. Jahrhundert in Frankreich aufgekommen.(10) Von dort aus verbreitete sie sich weiter, vor allem in Südeuropa und im vorderen Orient,(11) aber später sogar bis nach Russland.(12) Insgesamt wurde die Schwarzwurzel aufgrund ihrer Schmackhaftigkeit gerühmt. DE CANDOLLE berichtet, dass eine sizilianische Art (scorzonera deliciosa) in Palermo für die Herstellung von Bonbons und Sorbets verwendet wurde. Das Schwarzwurzel-Eis konnte ihn jedoch weniger überzeugen.(13) Vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Schwarzwurzel als "diätisches Mittel verordnet" und in gerösteter Form auch als Kaffeeersatz verwendet.(14)

Der Mediziner Leopold Franz HERRMANN (1785–1839) führt an, dass die der Schwarzwurzel zugeschriebenen Heilwirkungen bei Wunden, Frakturen und Geschwüren von der "modernen" Medizin verworfen würden.(15) Die heilende Wirkung gegen Schlangenbisse ist ebenfalls nicht belegt.

Der Schwarzwurzel kommt darüber hinaus auch eine größere Bedeutung in der Seidenraupenzucht zu. Bereits im 18. Jahrhundert wurden in der Seidenraupenzucht Ersatzpflanzen für den Maulbeerbaum gesucht.(16) 1832 wurde die Seidenraupenzucht mit Maulbeerbäumen mit der von Schwarzwurzeln verglichen. Trotz einiger Rückschläge konnten Erfolge mit der Schwarzwurzel erzielt werden. Allerdings verursachte die Verwendung der Schwarzwurzelblätter deutlich höhere Kosten und lieferte weniger Seide.(17) Die Gesellschaft zur Beförderung der Seidenzucht in Bayern kam 1834 noch zu keinem abschließenden Ergebnis, präferierte aber die Verwendung von Blättern der Schwarzwurzel unter den Surrogaten.(18) Der deutsche Botaniker Udo DAMMER (1860-1920) legte 1897 eine umfassende Arbeit vor, die eine detaillierte Anleitung zur Aufzucht des Seidenraupenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel lieferte. Vor allem für nördliche Regionen erkannte er hierin eine Möglichkeit zur erfolgreichen Seidenraupenanzucht in Form der Hausindustrie. Bei einer Anzucht mit Schwarzwurzelblättern sei eine konstante Temperatur von 18-20°C wichtig. Neben Bedingungen zu Temperatur und Luftfeuchte erläutert er insbesondere, wie die Fütterung statt zu finden habe, wie die Einrichtung und die Platzverhältnisse für die Seidenraupen auszusehen sollten und wie die Betriebsorganisation zu gestalten sei. Er kommt zu dem Ergebnis, dass durch die Anzucht mit Schwarzwurzelblättern zwar Produktionsumstellungen notwendig seien, sich jedoch mit geringen Kosten eine große Menge Seide produzieren lasse, was er besonders in der 2. Auflage 1915 betont. Insgesamt kommt er zu einem anderen Ergebnis als die Versuche in der ersten Hälfte des Jahrhunderts.(19)

Cedric-Pierre Vornholt


Anmerkungen:
(1) Denkschriften der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Mathematisch-naturwissenschaftliche Classe XIV, Wien 1858, S. 231.
(2) So etwa de CANDOLLE, ALPHONSE/GOEZE, Edmund (Übers.): Der Ursprung der Culturpflanzen, Leipzig 1884, S. 56.
(3) Zitiert nach: FISCHER-BENZON, Rudolph von: Altdeutsche Gartenflora. Untersuchungen über die Nutzpflanzen des deutschen Mittelalters, ihre Wanderung und ihre Vorgeschichte im klassischen Altertum, Kiel/Leipzig 1894, S. 123.
(4) MATTIOLI Pietro Andrea; CAMERARIUS d. J., Joachim (Übers.): Kreutterbuch, Frankfurt a.M. 1590, fol. 317 A.
(5) Ebenda.
(6) FISCHER-BENZON, S. 123 f.
(7) DE CANDOLLE, S. 56 f.
(8) GEIGER, Philipp Lorenz (Hrsg.): Handbuch der Pharmazie II, Heidelberg 1839, S. 845.
(9) MATTIOLI, Kreutterbuch, fol. 317 A.
(10) GEIGER, S. 845.
(11) Sitzungsberichte der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Mathematisch-naturwissenschaftliche Classe XXIII, Wien 1857, S. 202.
(12) DE CANDOLLE, S. 56.
(13) DE CANDOLLE, S. 57.
(14) GEIGER, S. 845.
(15) HERRMANN, Leopold Franz: System practischen Arzeneymittellehre. III. Besondere Arzeneymittellehre, Wien 1830, S. 259 f.
(16) HOUT, Ludwig: Aufmunterung zur Seidenraupenzucht in Deutschland. Besonders im Großherzogthume Baden, Mannheim 1832, S. 55-59.
(17) HOUT, S. 56 ff.
(18) ZIEGLER, Anton: Die Seidenzucht. Ihre Behandlung und Vortheile, Regensburg 1834, S. 19 f.
(19) DAMMER, Udo: Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel. Ein Beitrag zur Lösung der Seidenbaufrage in Mittel- & Nordeuropa, 2. Auflage, Frankfurt/Oder, 1915, S. 5 ff.

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