Nutzpflanzen in historischen Gärten


Die Sauerkirsche

(Prunus cerasus L.)

Der Mensch kultivierte Kirschen bereits in der Steinzeit, wie Funde von Süßkirschenkernen in neolithischen und bronze-zeitlichen Gräbern beweisen. Aber auch Sauerkirschen wurden schon frühzeitig kultiviert. Ihre Kerne wurden beispielsweise in den Bodenseepfahlbauten gefunden. [1]

Lange Zeit gab es keine systematische Trennung zwischen Sauerkirschen und Süßkirschen, erst im Jahre 1797 wurde dies von Johann Büttner vorgeschlagen. [2] Zu Recht, denn Süßkirschen werden genetisch zu Prunus avium, der Vogel-kirsche gezählt, während die Sauerkirschen unter der Gattung Prunus cerasus laufen.

Es wird vermutet, dass Prunus cerasus im iranischen Hochland als Hybride aus der Vogelkirsche (Prunus avium) und der Steppenkirsche (Prunus fruticosa) entstanden ist [3]. Für diese Theorie spricht, dass die Sauerkirsche einen tetraploiden Chromosomensatz hat, während die Süßkirsche diploid ist.
Das wichtigste pomologische Werk zu den Kirschen hat uns Christian Truchseß von Wetzhausen im Jahre 1819 hinterlassen. Darin beschreibt er insgesamt 231 Sorten von Kirschen, davon sind etwa 70 Sorten den Sauerkirschen zuzurechnen. [4]

Innerhalb der Sauerkirschen unterscheidet Truchseß zwischen den Weichselkirschen, die einen färbenden Saft haben, und den sogenannte Amarellen, die einen farblosen Saft besitzen. Da sich Süßkirschen und Sauerkirschen durch ihre enge Verwandt-schaft wiederum leicht kreuzen lassen, gibt es auch viele Sorten, die in ihren Eigenschaften zwischen den beiden Gruppen liegen. Diese sogenannten Bastardkirschen (Duke – Cherries) werden wiederum in Kirschen mit färbendem Saft (Süßweichseln) und hellem Saft (Glaskirschen) eingeteilt. Die Früchte der letzten Beiden schmecken meist süßlich-sauer und haben unter Feinschmeckern einen hervorragenden Ruf. [5]

In ihrem Wuchsverhalten liegt die Sauerkirsche quasi zwischen ihren ungleichen Elternteilen, der starkwüchsigen Vogelkirsche und der zwergförmigen Steppenkirsche. So bilden die meisten Sorten der Sauerkirsche einen strauchartigen Wuchs aus, der im Ertragsbau als Spindelbusch erzogen wird. Hierfür eignen sich spezielle Typenunterlagen wie GiSelA oder Weiroot. Veredelt man die Sauerkirsche auf Süßkirsche (Sämling oder F12/1), dann kann man die Sauerkirsche im Garten als Kleinbaum erziehen.

Sowohl in den Ästen als auch in den Zweigen sind die Sauer-kirschen meist schlanker und dünner als die Süßkirschen. Einige Sorten neigen auch zu einem hängenden Wuchs, wie etwa die Schattenmorelle. Verbreitet ist auch eine Tendenz zur Verkahlung der Triebe, die man durch Rückschnitt des Fruchtholzes verhindern kann. Die Schattenmorelle ist selbstfertil, andere Sorten benötigen eventuell zusätzliche Befruchtersorten. Insgesamt ist der Habitus der Sauerkirschen, durch die genetische Variabilität der hybriden Sauerkirschen bedingt, nicht einheitlich und bewegt sich zwischen den Elternarten.

Im Vergleich zu Süßkirschen sind die Früchte der Sauer-kirschen, der Name sagt es bereits aus, mit mehr Säure ausgestattet. Auch herbe, bittere Geschmacksnuancen kommen vor. Daher eignen sich viele Sorten weniger für den Frisch-verzehr, sind jedoch hervorragend für die Verarbeitung zu Konfitüren, Glaskonserven und Säften geeignet.

Der gesundheitliche Wert von Kirschen wurde lange Zeit nicht erkannt. Hildegard von Bingen war der Meinung: "Die Kirschen-frucht ist zwar nicht besonders nützlich, aber auch nicht besonders schädlich, und es schadet einem Gesunden nicht, sie zu essen. Wenn aber ein Kranker und jemand mit schlechten Säften viel davon isst, bekommt er dadurch etwas Beschwerden." [6] Die alte Volksweisheit, dass man auf größere Mengen Kirschen Bauchschmerzen bekommt, wenn man zuviel Wasser dazu trinke, könnte sogar stimmen: "Auf der Schale der Kirschen finden sich Hefezellen, die normalerweise von der Magensäure abgetötet werden. Durch das Wasser wird die Magensäure aber verdünnt. Es gärt im Magen und die Folge können unangenehme Bauchschmerzen sein." [7] So ganz bewiesen ist diese Annahme nicht.

Die vielfältigen Heilwirkungen, die mittlerweile der Sauerkirsche nachgesagt werden, sind durch Laborversuche gut belegt. So scheinen die Anthocyane der Sauerkirschen eine entzündungs-hemmende Wirkung zu haben, und sie lindern Muskelkater. Sogar gegen Krebs könnten die Sauerkirschen schützen. Und der hohe Gehalt an Melatonin soll Schlafstörungen auf natürliche Weise kurieren.

Michael Degle


Verwendete Quellen:

[1] Götz, Gerhard und Silbereisen, Robert: Obstsorten Atlas, Stuttgart 1989, S.220
[2] Hartman, Walter. und Fritz, Eckhart: Farbatlas alte Obstsorten, Stuttgart 2008, S.11
[3] Deutsche Wikipedia 2015, mit Verweis auf: Scholz, Hildemar und Scholz, Ilse: Prunus. in: Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Blackwell 1995
[4] Truchseß von Wetzhausen, Christian: Systematische Classification und Beschreibung der Kirschensorten, Stuttgart 1819, S. 103-106
[5] Truchseß 1819, S. 56
[6] Strehlow, Wighard: Die Ernährungstherapie der Hildegard von Bingen, München 2009
[7] medizinauskunft.de:


Rezept:
Gerührter Weichsel-Kuchen

Man nimmt 12 Loth (210 g) Zucker, rührt ihn mit 7 Eiern eine halbe Stunde recht stark. Dann thut man 12 Loth fein gestoßene Mandeln, 12 Loth geriebenes schwarzes Brod, ein halbes Loth (9 g) gestoßene Gewürznägelein (Nelken) und Zimmet dazu; macht den Teig recht durcheinander, thut nach Belieben Weichseln darein, und füllet ihn gleich in eine mit Butter bestrichene und mit schwarzem geriebenen Brode ausgestreute Tortenform, und läßt den Kuchen backen.

Aus: Weiler, Sophia Juliana: Augsburgisches Kochbuch, Augsburg 1860

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