Nutzpflanzen in historischen Gärten


Der Schwarze Maulbeerbaum

(Morus nigra)

„Und du Baum, … Wahre die Zeichen des Mordes und trage auf immer dunkle Früchte, an Trauer gemahnend…“ [1]

Durch die im ersten Jahrzehnt unserer Zeit erschienen Metamorphosen von Ovid ist der schwarze Maulbeerbaum auf immer mit der unglücklichen Liebe von Pyramus und Thispe verbunden und ein Zeichen der Trauer. Aber so ist ihm auch ein literarisches Denkmal entstanden, das bis heute Widerhall findet. [2]

Die vor ihrer Kultivierung in Europa nicht vorkommende Gattung der Maulbeeren (Morus) umfasst weltweit 14 Arten. Als Nutzpflanzen fanden zwei eine größere Bedeutung, der weiße Maulbeerbaum (Morus alba) vor allem zur Seidenraupenzucht und der schwarze Maulbeerbaum (Morus nigra) zur Fruchtgewinnung. So heißt es im Deliciae Hortenses 1679 „ … die schwarzen tragen nicht allein schönere / größere / wohlgeschmacktere und viel safftigere Beer / als die weisse / sondern ihr Stamm ist auch viel dicker / die Blätter viel größer / härter und rauer: lassen sich ungernpflanzen / wachsen langsam herfür … Dahero kein Wunder / Daß so wenig schwarze Maulbeer-Bäume gefunden werden / da doch der weisse so überflüssig seyn.“ [3]
Aber schon Elßholz weist 1684 auf die Verwendung der weißen Maulbeere für den Seidenbau hin, die dann zu ihrer weiten Verbreitung im 18. Jahrhundert führte. [4] Eine umfassende Beschreibung und Würdigung in den meisten Garten-, Obst-, Fruchtreiberei- und Küchengartenbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts fand jedoch wegen seiner Früchte nur der schwarze Maulbeerbaum.

Er stammt aus dem Gebiet Persiens und wurde bereits im Griechenland des 8. Jahrhunderts v. u. Z. kultiviert. Die Römer verbreiteten ihn bis in die Rheinprovinzen. Auf Grund der medizinischen und kulinarischen Verwendung der Früchte wurde der schwarze Maulbeerbaum in den mittelalterlichen Klöstern und später in den herrschaftlichen Küchengärten und Wirtschaftshöfen angepflanzt. [5]

Die Blüten der sehr alten Gattung sind nicht zwittrig aber meist einhäusig. Es kommen auch einzelne Exemplare mit eingeschlechtlichen Blüten vor. „Der schwarze Maulbeerbaum ist kälteempfindlicher und von gedrungenerem Wuchs als der weiße – gut zu unterscheiden durch seine kurztriebigen, dicken, braunen Äste und die brauen, rundlichen Winterknospen. Die lindenblattartigen Blätter sind viel derber als die der weißen Maulbeere, oberseits lebhaft dunkelgrün, rau behaart, unterseits heller, weichhaarig. Die Sammelfrucht ist erst grün, dann rot und zur Reife von August bis September glänzend schwarz.“ [6]

Im Laufe des 19. Jahrhundert verlor die schwarze Maulbeere auf Grund ihrer Frostempfindlichkeit und vermutlich wegen der schlechten Haltbarkeit der Früchte ihre gartenbauliche Bedeutung. Bereits 1836 stellte Theodor Nietner fest, dass der schwarze Maulbeerbaum „im Allgemeinen wenig kultiviert“ wird. Meinte aber noch, „daß er zur Vervollständigung der Obstkultur und in Bezug auf seine schmackhaften Früchte, mindestens in einigen Exemplaren im Küchengarten angepflanzt werden sollte.“ [7] Dies gut geschützt an Gebäuden oder Mauern.

So kam es, dass der schwarze Maulbeerbaum in Deutschland sehr selten geworden ist. Erst in den letzten Jahren sorgten die Einführung neuer Sorten und die „Wiederentdeckung“ der Frucht für vermehrte Anpflanzungen in privaten Gärten. Die Früchte sind umständlich zu ernten, lassen sich nicht pflücken und müssen geschüttelt werden. Deshalb und auf Grund ihrer sehr schnellen Verderblichkeit wurden sie als Markt- und Tafelobst nur wenig verwendet. Von Beginn der Kultur an kam also der Verarbeitung der Früchte eine große Bedeutung zu, vor allem dem „Diamoron“ genannten Saft. Dieser wurde in der Antike dem Wein zugesetzt, um einen intensiveren roten Farbton zu erhalten. Seine lindernde Wirkung auf Entzündungen im Halsbereich scheint ebenfalls schon früh bekannt gewesen zu sein. In der heutigen Zeit wird die medizinische Wirkung der Maulbeere als sogenanntes „Superfood“ wieder angepriesen. Die Früchte und Blätter sollen in der entsprechenden Zubereitung den Blutdruck und den Cholesterinspiegel senken und gegen Altersdiabetes helfen. Aber auch die traditionelle Schleimlösende Wirkung wird beschrieben. [8] So kann man, wie es bereits Münchhausen 1767 tat, zusammenfassen: Der Saft „ist angenehm, erquickend, und gesund für Kranke.“ [9]


Mathias Gebauer


Verwendete Literatur:

[1] Ovid: Metarmorphosen, Stuttgart 1990, S. 125.
[2] z. B. 2012 in der 499. Folge von „The Simsons“ „The Daughter Also Rises“ vgl. simpsonswiki.com:
[3] Müller, J. G.: Delciae Hortenses, Stuttgart 1679, S. 44 u. 45.
[4] Elßholz, J. S.: Vom Garten-Baw, Berlin 1684.
[5] Heilmeyer, M. und Seiler, M.: Maulbeeren Zwischen Glaube und Hoffnung, Potsdam 2006.
[6] Heilmeyer, M. und Seiler, M.: a. a. O. S. 44.
[7] Nietner, T. : Die Küchengärtnerei, Berlin 1837, S. 253.
[8] chia-samen-bio.de: .
[9] Münchhausen, O. v.: Der Hausvater, Hannover 1767, S. 481.


Abbildungen:

Abb. 1) Die tragische Liebesgeschichte von Pyramus und Thispe unterm nun schwarz früchtigen Maulbeerbaum. Bock, H.: Kreütterbuch, Straßburg 1595, S. 388.
Abb. 2) Der schwarze Maulbeerbaum. Lonitzer, A.: Kräuter-Buch, Frankfurt 1703, S. 49.
Abb. 3) Die schwarze Maulbeere. Neuruppiner Bilderbogen, Blatt 2929, 1856.
Abb. 4) Die ausgetriebenen Blätter im Vergleich. Links Morus alba, rechts Morus nigra; Gebauer, M.
Abb. 5 bis 9) Reifeprozess der Früchte des Schwarzen Maulbeerbaumes; Gebauer, M.


Rezept

„Gratin von Maulbeeren“
(Ein Rezept des Küchenmeister des Prinzen Heinrichs in Rheinsberg)

„Die Maulbeeren mit feinen Semmelscheiben, so in weißen Wein eingetaucht werden, und Zucker schichtweise eingesetzt, mit Zucker bestreut und gratiniren (im Backofen langsam schmoren lassen, daß sie eine braune Kruste bekommt) lassen. Man kann auch, statt der Semmel, Scheiben Biscuit nehmen, und dann das Ganze mit Wein anfeuchten.“

Singstock, G. E.: Gründlicher Unterricht in der Kochkunst für alle Stände, Dritter Theil, Berlin 1813, S. 45.

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