Nutzpflanzen in historischen Gärten


Die Brennnesseln

(Urtica dioica und Urtica urens)

„… mich mit Ruhe und Brennnessel wieder erholt.“ [1]

Die Brennnessel ist heute hauptsächlich als Heilkraut in der Haus- und Naturmedizin oder als Pflanzenstärkungsmittel in Naturgärten bekannt. Doch wer weiß von ihrer Bedeutung als Faserpflanze? Allenthalben mit den Hemden aus Brennnesseln zur Rettung der sieben Brüder im Märchen „Die sieben Schwäne“ von Hans Christian Andersen hält sich diese Nutzungsform noch im Bewusstsein. Doch diente die Brennnessel vermutlich zur Herstellung der ersten pflanzlichen Textilien der Menschheit. Das heute mit der brennenden Abwehrreaktion der Pflanzen verbundenen Wort „Nessel“ – auch Urtica leitet sich vom lateinischen „urere“ für brennen ab – entstammt vermutlich dem vor 5000 Jahren gesprochenen indogermanischen Wort „ned“ etwa knüpfen oder zusammendrehen. Auch das Wort Netz besitzt den gleichen Ursprung. [2] Da sich die Brennnessel nicht einfach kultivieren ließ und die Trennung der Fasern schwierig ist, spielte die Verwendung als Faserpflanze meist eine Nebenrolle und wurde bis in das letzte Jahrhundert nur zu Not- und Kriegszeiten forciert. Auf Grund der Knappheit an Baumwolle begann in Deutschland ab 1860 eine agrar- und textiltechnische Erforschung der Fasernessel. Aber erst Prof. Dr. Bredemann gelang es, ab den 1920er Jahren Fasernesseln mit einem dreifach gesteigerten Faseranteil von ca. 15% zu selektieren und zu vermehren. Dies geriet in Vergessenheit. Seit den 1990er Jahren wurden die Forschungen und die Sammlung Bredemann wiederentdeckt und weiterbearbeitet. Im Jahre 2002 stellte das Bundessortenamt die Sorten „Wulfsdorf“ und „Nesselgold“ unter Schutz. Die Anbaufläche an Fasernessel in Deutschland lag 2007 bei 225 ha, mehr als 10% des Faserpflanzenanbaus in Deutschland. Bei der verwendeten Pflanze handelt es sich um eine Konvarität der Großen Brennnesseln: Urtica dioica convar fibra. [3]

In Deutschland sind vier Brennnesselarten bekannt, von denen die zweihäusige ausdauernde Große Brennnessel Urtica dioica und die einhäusige einjährige Kleine Brennnessel Urtica urens weitverbreitet sind. Die Große Brennnessel wird zwischen 30 und 150cm hoch, hat längliche, grobgesägte und am Grund herzförmige Blätter. Im Gegensatz dazu entwickelt die Kleine Brennnessel eiförmige oder elliptische und am Grund bogenförmige Blätter und erreicht lediglich eine Höhe von 60 cm. Letztere brennt heftiger und wird in der Homöopathie ausschließlich verwendet. Dabei beinhalten beide Arten die gleichen wichtigen Stoffe, ein wahres Konvolut u. a. aus Flavonoiden, organische Säuren, Mineralstoffen, Vitaminen, Steroiden, Karotinoiden und Aminen. [4]

Auf Grund ihrer unterschiedlichen medizinisch bzw. gesundheitsfördernd wirkenden Inhaltsstoffe wurden die Brennnesseln neben der Fasergewinnung vielfach genutzt, vermutlich schon früh als Nahrungsmittel und bald auch als Zauber- und Heilkraut. Die mutmaßlich älteste überlieferte Lobpreisung der Brennnessel stammt von Catulla aus dem Jahre 57 n.u.Z., der seinen Schnupfen und Husten mit „Ruhe und Brennnessel“ heilte. Die Brennnessel war ein wichtiges Heilkraut und wurde von unterschiedlichen Autoren beschrieben, z. B. von Dioskurides und Plinius (beide 1. Jh. n.u.Z.) bis hin zu Hildegard von Bingen (1098 – 1179). Mit den großen Kräuterbüchern der Renaissance fanden sie breiten Einzug in die Volksmedizin. Bock beschreibt über 25 verschiedene Anwendungsbereiche bzw. –möglichkeiten. Urtica urens nannte er auf Grund der antiseptischen Wirkung „Eiternessel“. [5] Mit fortschreitender pharmazeutischer Medizin verlor die Brennnessel ihre Bedeutung als Heilpflanze. Dietrich erwähnt sie zwar im „Apotheker-Garten“ 1802. [6] Beschreibt aber ihre medizinische Anwendung 1810 im „Lexicon der Gärtnerei“ nur am Rande: „Man hat sie gegen die Lungenpest und das Blutspeyen empfohlen.“ [7] Vielmehr sind ihm die anderen Nutzungsformen wichtig: „Allein eben so gewiß und anerkannt ist es auch, daß sie in technischer und ökonomischer Hinsicht beträchtlichen Nutzen gewährt, und deswegen in manchen Gegenden gebaut wird. Aus ihrem Bast wird das bekannte Nesselgarn oder Nesselleinwand, auch Papier ec. gefertigt […] Sodann liefert diese Nessel ein gutes Futter, besonders für Kühe […] Im Frühling, wenn die Stengel und Blätter aus der Wurzel hervorkommen, können sie […] wie Kohl zubereitet und gegessen werden […] Auch soll die Wurzel von unserer gemeinen Nessel mit Alaun gelb färben.“ [8] Schlitzberger nimmt die Brennnessel 1899 allerdings nicht mehr in seine „Gift- und Heilpflanzen“ auf. [9] Heute findet sie zur Entschlackung meist als Tee und zur unterstützenden Behandlung rheumatischer Beschwerden Anwendung. Lange schon war auch die antibakterielle Wirkung der Brennnessel bekannt. Mit ihr wurden Butter, Fisch und Fleisch frisch gehalten. Noch 1902 wurde ein Berliner Milchmädchen wegen Verwendung von Brennnesseln angeklagt, aber mit dem Hinweis, dass dies eine übliche Handlungsweise sei, freigesprochen. [10]

Ähnlich wie in der Medizin hielt die Brennnessel Einzug in die Mythologie und den Aberglauben, vor allem als Schutz vor Blitzschlag, Feenzauber oder Flüchen. Einige Bräuche, wie das Brennnesselgemüse zu Gründonnerstag, gehen hierauf zurück. Vermutlich auf Grund der Wehrhaftigkeit der Brennnessel nahmen die Grafen von Schauenburg das Nesselblatt in ihr Wappen auf. Noch heute ist es weitverbreitet, so im Wappen des Landes Schleswig-Holstein oder der Landeshauptstadt Kiel.

Auch wenn die Brennnessel ein Kulturfolger ist und teilweise in großen Gruppen vorkommt, reduzieren sich ihre Bestände in der aufgeräumten Landschaft und den „unkrautfreien“ Gärten. Doch war und ist sie nicht nur für den Menschen wichtig. Die Brennnessel bildet für die Raupen von ca. 50 Schmetterlingsarten eine Nahrungsgrundlage.

So ist es wichtig, in jedem Garten „Brennesselecken“ zu belassen – als historische und aktuelle Nutzpflanze und als Lebensraum.

Mathias Gebauer


Verwendete Literatur:

[1] lateinoase.de
[2] Pfendtner, I.: Natürlich heilen mit Brennnessel Die Wiederentdeckung eines alten Hausmittels, 1999 München
[3] wikipedia: Fasernessel
[4] Pfendtner, I.: a.a.O.
[5] Bock, H.: Kreütterbuch, Straßburg 1595, S. 1-3.
[6] Dietrich, F. G.: Der Apotheker-Garten, Weimar 1802, S. 117-118.
[7] Dietrich, F. G.: Vollständiges Lexicon der Gärtnerei und Botanik, 1810 Berlin, S. 296. Der Text bezieht sich auf Urtica urens.
[8] Dietrich, F. G.: a. a. O. S. 282-283. Dieser Text bezieht sich auf Urtica dioica.
[9] Schlitzberger, S.: Illustriertes Taschenbuch der Gift- und Heilpflanzen, Nachdruck der Originalausgabe von 1899, Leipzig 2000. Auch in anderen Publikationen um 1900 wird die medizinische Nutzung nicht mehr erwähnt aber die Nutzung als Futter- und Faserpflanze hervorgehoben, z. B.: Baenick, C.: Lehrbuch der Botanik, Berlin 1887, S. 193 oder Leich, E. und Fischer, R.: Pflanzenkunde, Leipzig 1927, S. 16.
[10] wikipedia: Brennnessel


Abbildungen:

Abb. 1: Urtica dioica (Bock, Hieronymus: Kreütterbuch, Straßburg 1595, S. 1.)
Abb. 2: Urtica urens (Bock, Hieronymus: Kreütterbuch, Straßburg 1595, S. 1.)
Abb. 3: Urtica pilulifera (Pillen-Brennnessel), Urtica urens, Urtica dioica (Gottorfer Codex 1649 – 1659 (Blatt 325), Quelle: smk.dk/en/visit-the-museum/exhibitions/past-exhibitions/2013/flowers-and-world-views/view-the-flowers )
Abb. 4: Wappen des Bundeslandes Schleswig-Holstein mit schlewigschen Löwen und holsteinischem Nesselblatt (Quelle: wikipedia.org/wiki/Wappen_Schleswig-Holsteins )
Abb. 5: Das Wappen der Landeshauptstadt Kiel mit gemauertem Boot auf dem holsteinischen Nesselblatt (Quelle: wikipedia.org/wiki/Kieler_Wappen )
Abb. 6: Poster mit Aufruf zum Sammeln von Nesseln für die Herstellung von Garnen z. B. für Verbandsmaterial zur Zeit des Ersten Weltkrieges in Österreich (Quelle: wikipedia.org/wiki/Fasernessel )
Abb. 7: Dichter Bestand von Urtica dioica (M. Gebauer)
Abb. 8: Die Kleine Brennnessel, Urtica urens (M. Gebauer)


Rezept

Brennnesselbier (für 4,5 Liter)

1 Eimer Brennnesselspitzen und Blätter
600 g Zucker
1 Zitrone
20 g Weinstein
1 Tüte Bierhefe
10 g Ingwer, gehackt und zerquetscht (optional)

Die Brennnesselspitzen mit der geriebenen Schale einer Zitrone und dem Inger in einen großen Topf geben. 4 Liter Wasser dazu geben und zum Kochen bringen. Die Flüssigkeit ca. 30 Minuten köcheln lassen, dann etwas abkühlen lassen. Die Brennnesseln herausheben und die Flüssigkeit durch ein Sieb gießen. Nun den Saft der Zitrone, den Zucker und den Weinstein hineingeben und vorsichtig unter ständigem Umrühren erhitzen, bis der Zucker gelöst ist. Jetzt in eine große Schüssel geben und auf ca. 20 Grad abkühlen lassen. Die Bierhefe in etwas Wasser anrühren und diese Lösung zu dem Brennsesselsud geben. 3 Tage an einem warmen Ort stehen lassen, danach 2 Tage kühl stellen. In gut ausgekochte Bierflaschen mit Bügelverschluss abfüllen und nochmals ca. 1 Woche kühl lagern. Wenn das Bier sich geklärt hat, kann man es genießen.
(Quelle: historisch-kochen.de )

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