Nutzpflanzen in historischen Gärten

Der Herrschaftliche Obstgarten im Schlosspark Bad Homburg v.d. Höhe


Zur Geschichte des Bad Homburger Schlossparks
Die mittelalterliche Hohenburg, der Vorgängerbau der ab 1680 errichteten Schlossanlage, besaß bereits eine Gartenanlage. Eine Entwicklung des Gartens lässt sich jedoch erst ab dem 17. Jahrhundert nachvollziehen. Ab 1680 setzte in Schritten die Entwicklung des Schlossparks ein. Landgraf Friedrich II. veranlasste die Aufschüttung eines Plateaus vor dem Königsflügel, um dort einen regelmäßigen Garten nach barocker Manier anzulegen. Das erhaltene Barockparterre besteht in seiner Grundstruktur bis heute, wenn auch die zwei um 1820 gepflanzten Zedern darauf hinweisen, dass es zwischenzeitlich Phasen einer Verlandschaftung der Fläche gab. Die heutigen drei Teppichbeete, ursprünglich waren es vier, resultieren aus der Zeit zwischen 1866 und 1899.
Am Südwestabhang des Schlossberges bedingt sich 1700 die Landgräfin Louise Elisabeth von Kurland die Anlage eines Weinberges aus, der fast 50 Jahre bestand.
Nach 1772 schufen Landgraf Friedrich V. und seine Gemahlin Caroline einen englischen Landschaftspark, bei dem durch eine Umgestaltung des Weinbergs zu einem Boskett unterhalb des Archivflügels und über den bereits bei Matthäus Merian d.Ä. dargestellten See (Stich von 1646) bis in den südwestlich anschließenden Hain, der Fantasie, eine sehr reizvolle Parksituation entstand, die sich bis heute erhalten hat.
Zeitgleich mit der Umgestaltung des Schlossparks wurde die Tannenwaldallee angelegt, an der die Söhne des Landgrafen sowie seine Frau eigene Gärten erhielten. Landgraf Friedrich VI. erweiterte die Allee bis an die Grenze der damaligen Landgrafschaft. Es entstand eine Gartenlandschaft von insgesamt 122 Hektar, deren gestalterischen Arbeiten mit dem Tod von Landgräfin Elizabeth 1840 stagnierten. Die heute zum Teil unterbrochene Landgräfliche Gartenlandschaft wird nach und nach restauriert.

Der Herrschaftliche Obstgarten vom 17. bis ins 20. Jahrhundert
Der heutige Herrschaftliche Obstgarten gehört zu den ältesten Gartenbereichen des Bad Homburger Schlossparks. Der Stich von Matthäus Merian von 1646 zeigt unterhalb der Hohenburg einen geometrisch gegliederten Nutz- und Ziergarten mit Laubengang und angrenzenden Obstbaumpflanzungen. Bereits durch Küchenrechnungen aus den Jahren 1622/23 der Landgräfin Margarethe wird die Existenz eines Küchengartens der Burg belegt.
Mit dem Umbau der Burg zum Schloss werden von Landgraf Friedrich II. ein Obst- und Hopfengärtner sowie ein Weingärtner eingestellt. In späteren Anweisungen für die Hofgärtner sind immer wieder Forderungen nach "genügend Obst" zu lesen. Die Landgräfin Ulrike Louise setzte sich ab 1750 verstärkt für den Obstanbau ein. Er geht einher mit der in Frankfurt einsetzenden Apfelweinkelterei, die sich bis in den Taunus ausbreitete und den Überhang im Apfelanbau bis in die heutige Zeit auch für den Schlosspark erklärt. Pläne des Schlossparks aus der Mitte des 19. Jahrhunderts geben zusammen mit den pflanzlichen Inventarlisten einen guten Überblick über die Vielfalt an Obst, aber auch ihren Stellenwert für die landgräfliche Küche und Tafel. Mit Eingliederung der hessisch-homburgischen Landgrafschaft in das preußische Königreich und der Übernahme des Hofgartendirektorenamtes durch Ferdinand Jühlke 1866 steigt die Bedeutung des Obstbaus in Bad Homburg. Aus der Zeit von 1875 bis 1906 sind zahlreiche Auflistungen und Pläne über die Gestaltung, aber auch die Obstsorten des Herrschaftlichen Obst- und Gemüsegartens überliefert. Die Qualität der Früchte war so gut und beim Kaiser Wilhelm II. so beliebt (Homburg war seine Sommerresidenz), dass er sich Äpfel, Birnen und Pflaumen, Maronen, Mirabellen und Quitten, später sogar Aprikosen und Feigen nach Berlin schicken ließ. Der zweite Weltkrieg brachte ein schroffes Ende des bis dahin so erfolgreichen Obstanbaues im Schlosspark Homburg.
Aufgrund der schlechten Versorgungssituation der Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Herrschaftlichen Obstgarten Bäume gerodet und in Gemüsefelder umgewandelt. Ab 1953 folgten ein stetiger Rückbau und eine Aufpflanzung mit Apfelniederstämmen. Ende des 20. Jahrhunderts war der Baumbestand im Herrschaftlichen Obstgarten durch Krankheit und natürlichen Ausfall so überaltert, dass eine komplette Regeneration nötig wurde.

Die Teilrekonstruktion des Apfel- und Mirabellen-quartiers des Herrschaftlichen Obstgartens 2002 bis 2003
2002 wurde von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen beschlossen, den Herrschaftlichen Obstgarten Schritt für Schritt mit alten überlieferten Sorten und gemäß den historischen Pflanzschemata neu aufzupflanzen. Historische Inventarlisten von 1870 bis 1900 dienten als Grundlage der Obstbaumauswahl. Ausgewählt wurden Sorten, die an das hiesige Klima und den Boden relativ geringe Ansprüche stellen. Im Frühjahr 2003 wurden im Mirabellenquartier alle Apfelniederstämme gerodet und im Apfelquartier nur die schadhaften Bäume durch neue ersetzt.
Neben Äpfeln und Birnen wurden Mirabellen, Reineclauden, Quitten und Pflaumen gepflanzt. Größte Unterstützung für diese Maßnahme erhielt die Verwaltung durch das Kuratorium zur Erneuerung der Schlosskirche e.V., die die Obstbäume spendierten und einzelne Mitglieder davon Patenschaften für Einzelbäume übernahmen. Für das Apfelquartier ergab sich ein neues Pflanzraster mit unterschiedlichen Abständen der Reihen aufgrund der Verschränkung und Verkleinerung der Flächen als eine Folge der Geländeabgabe für eine Straßenverbreiterung in den 1970er Jahren. Eine Quadratrasterpflanzung war historisch vorgegeben. Die Pflanzabstände mussten durch die differierende Flächengröße ausgemittelt werden. Sie schwankten zwischen 8 x 9 m bis zu 9,50 x 10 m. Diese Pflanzweiten entsprechen den Böden mit einer Bodenwertzahl von 51-70 für Apfelhochstämme. Der Erdaushub für die Pflanzung wurde zu 50% abgefahren, die übrigen 50% mit reifem Kompost vermischt. Alle Hochstämme erhielten einen Pflanzspiegel und die gesamte Wiesenfläche wurde dünn mit gedämpfter Komposterde abgestreut. Diese Kulturmaßnahme wird in der Obstbaumliteratur häufiger empfohlen.

Der Herrschaftliche Obstgarten unterteilt sich heute in Apfelquartier, Mirabellenstück, ehemaliges Birnenstück bzw. Formobstplantage, ehemaliger Gemüsegarten sowie Dreispitz. Neben den als Plantage angelegten Obstquartieren befanden sich an dem Laubengang noch zahlreiche Spalierstämme, die teilweise als kunstvolle Kandelaber mit bis zu sechs Stämmen gezogen wurden. Es handelte sich dabei ausschließlich um Birnen. Das Apfelquartier und das Mirabellenstück sind öffentlich zugänglich, Birnenstück, Gemüsegarten sowie Dreispitz werden als Betriebsgelände genutzt und sind entsprechend durch Zaun und Hecke abgetrennt.

Die heute im Herrschaftlichen Obstgarten gepflanzten Obstarten und -sorten
Im Apfelquartier wurden 63 Äpfel nachgepflanzt, darunter "Schöner von Nordhausen" (1892), "Prinzenapfel" (1739), "Goldrenette von Blenheim" (1809) und "Boikenapfel" (1828).
Im Mirabellenstück wurden 36 neue Obstbäume ergänzt, darunter die Birnensorten "Clapps Liebling" (1870/1867?), "Gute Luise von Avranches" (1860/1827?) und "Poiteau" (1854/1844?) sowie die "Hauszwetsche" (1561) und die Lieblingssorte von Kaiser Wilhelm II., der Karthäuserapfel. Er gilt als einer der ältesten noch erhältlichen Tafeläpfel – einige Quellen datieren ihn auf das Jahr 1175 – seine Herkunft ist aber unbekannt. Des Weiteren die "Mirabelle von Nancy" (1690?/1667), "Wangenheims Frühzwetsche" (1837) und zwei Reneklodensorten. Der gesamte Obstanbau erfolgt unter ökologischen Gesichtspunkten, d.h. unter Verzicht von Herbiziden und Pestiziden, gedüngt wird naturell mit Kompost in einem Abstand von ca. zwei Jahren. Die Stämme werden zum Schutz gegen Frost mit einem Baumschutzmittel eingestrichen. Als phythopatologische Maßnahme kommen Nützlinge zum Einsatz, d.h. es werden die Voraussetzungen für ihre Ansiedlung geschaffen. Im Frühjahr wird darauf geachtet, dass immer eine Wiesenfläche als Wildblumenwiese zur Anlockung von Insekten, speziell von Bienen, erhalten bleibt. Ohne sie findet keine Bestäubung der Obstbäume statt. Da im Schlosspark Bad Homburg Wildbienenvorkommen nachweisbar sind, wurde zusätzlich ein Wildbienenstand gebaut. Ferner hängen in einzelnen Obstbäumen Nisthilfen, bestehend aus Birkenstammstücken mit kleinen Löchern, für diese Tiere. Diese Maßnahmen sind gleichzeitig ein Beitrag zum Artenerhalt bzw. Artenschutz.
Die Pflanzspiegel werden regelmäßig gelockert und von Unkraut freigehalten. Die für den Obstgarten zuständigen Mitarbeiter gehen in Abständen zu Lehrgängen, z.B. über den Obstbaumschnitt, und tauschen ihre Erfahrungen mit anderen Gartenverwaltungen aus. Die Verwertung des Obstes erfolgt in Eigenregie. Die lagerfähigen Früchte werden im Obstkeller eingelagert, andere z.B. zu Apfelsaft oder Apfelwein verarbeitet bzw. eingemeischt und zu einem Obstbranntwein, dem "Schloßbrannt", durch eine Kelterei destilliert.
Es ist für die nächsten Jahre geplant, auch die noch verbleibenden Obstquartiere mit den alten überlieferten Obstarten und -sorten aufzupflanzen, vor allem aber die Spaliere an dem Laubengang wieder in der alten Kulturform zu ergänzen.

Christine Fischer
Manfred Handke


Weiterführende Publikationen:

Schloss Homburg vor der Höhe. Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Broschüre 23, 1. Auflage, Regensburg, 2006.

Clemens Alexander Wimmer
Geschichte und Verwendung alter Obstsorten
DGGL e.V. (Hrsg.)
Berlin, Magdeburg 2003


Die Abbildung des "Plan des Obstgartens im Schlossgarten zu Homburg", o.S.; o.D. (1876?), (Fasz. Nr. SPSG, GK II (1) Mappe Homburg) erfolgte mit freundlicher Genehmigung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

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