Nutzpflanzen in historischen Gärten

Der Konventgarten im Kloster Seligenstadt


Zur Geschichte des Konventgartens im Kloster Seligenstadt
Aufgrund einer Schenkung Kaiser Ludwigs des Frommen an seine Berater Einhard kam es um 830 zur Gründung einer klösterlichen Gemeinschaft in Seligenstadt. Neben einer größeren Bedeutung im 11. und 12. Jahrhundert erlebte die Abtei nach dem 30-jährigen Krieg den größten Aufschwung. In der zeitlichen Phase des Hochbarocks (ca. 1680-1730) entstanden unter drei Äbten die bedeutendsten Bauten, so wie sie bis heute fast unverändert bestehen. 1685 entstand der Konventbau, 1699 die Prälatur und 1705 die außerhalb des Klosters gelegene Sommerresidenz der Seligenstädter Äbte, die Wasserburg in Klein-Welzheim, die ebenso wie das Kloster mit einem Nutzgarten umgeben war. Im Spätbarock kam 1757 die Orangerie als ein weniger repräsentatives Gebäude als eine mehr für die Bewirtschaftung des Konvents ausgerichtete Baulichkeit hinzu. Dieses Orangeriegewächshaus hatte ausschließlich eine dienende Funktion. Vor dieser Epoche bestanden bereits die Klostermühle von 1574 und der Mühlgarten, wie ein Stich von Carl Stengel aus dem Jahre 1638 zeigt. Mit der Säkularisierung endete 1803 das Klosterleben.
Der Konventgarten, so wie er 1638 dargestellt ist, zeigt eine mit vereinzelten Bäumen bestandene Wiese im Osten und erste Ansätze von einer in „Beeten“ eingeteilten Fläche direkt hinter den Gebäuden. Ein weiterer, sehr aufschlussreicher und weitgehend mit der Örtlichkeit stimmiger Plan datiert um 1712. Er bildet die Grundlage für den barocken Ausbau der Gartenanlage und zeigt die Gestaltung eines in acht Kompartimenten gegliederten Parterres. Jedes Feld wird von Bäumchen eingefasst und ist, bis auf zwei Felder, in einfache geometrische Beetflächen zerlegt (Stich von Johann Stridbeck fecit).
Nach der Säkularisation 1803 zogen verschiedene Institutionen und Behörden in den Klosterkomplex ein, die Gärten wurden parzelliert und privater Nutzung zugeführt. Ab 1960 wurde der Konventgarten in einfachen barocken Formen wiederhergestellt.

Die Rekonstruktion des Konventgartens von 1983 bis 2006
Auf Grundlage des Kupferstiches von Johann Stridbeck sowie, seit 1983, durchgeführten Recherchen und Grabungen erfolgte ab 1986 die Rekonstruktion der Gartenkompartimente in kleinen Teilschritten. Die Grabungen lieferten mehrfach Befunde, die den Kupferstich als einen authentischen Plan aus der Zeit bestätigten, u. a. an den vielen entdeckten Brunnen, dem Engelsgärtchen und den in der Tiefe liegenden alten Plattenbelägen des Kellerhöfchens. Gemäß den verschiedenen Befunden erhielten die Beete ihre historische Struktur und Bepflanzung. Ein Schwerpunkt liegt auf der historischen Pflanzenverwendung.

Der Konventgarten ist mit rund 8000 m², gut einem Drittel der Gesamtfläche der Abtei, der größte Garten. Er ist in acht Kompartimente gegliedert, die mit niedrigen Buchsbaumhecken und etwa 350 Zwergobstbäumchen umgeben sind, die wiederum innerhalb einer Plate-bande-Pflanzung mit Frühjahrs- und Sommerflor einschließlich Blumenzwiebeln stehen. Das Zwergobst besteht ausschließlich aus Kernobst wobei der Apfel mit 36 verschiedenen Sorten überwiegt und die Birne mit 16 alten Sorten vertreten ist. Auch beim Spalierobst überwiegt der Apfel mit 19 alten Sorten, hinzu kommt Steinobst mit Zwetschgen, Kirschen, Mirabellen und Renekloden. Aus Gründen der Unterhaltung sind nur zwei der acht Kompartimente komplett mit verschiedenem Gemüse bepflanzt. Kultiviert werden im Wechsel und nach Fruchtfolgeplänen Salat, Porree, Sellerie, Möhren, Buschbohnen und Kohl, dazu Mangold und Artischocken. Innerhalb eines Kompartimentes sind die Beete eingefasst von Monatserdbeeren und kleinen Hecken aus Ysop.
Entlang der östlichen Klostermauer wurde ein Färbergarten angelegt, in dem Pflanzen gezeigt werden, die beim Färben von Textilien, aber auch Lebensmitteln, Kosmetika oder Papier Verwendung fanden. Außerdem sind an den, den Konventgarten umgebenden, Mauern Obstspaliere angebracht. Es ist geplant, an den Mauerbeeten vor die Spaliere noch Beerenobst in alten Sorten zu pflanzen. Dies werden hauptsächlich Johannisbeeren und Stachelbeeren sein, die als Sträucher den Nutzgartencharakter des Konventgartens noch verstärken.

Die heute im Konventgarten gepflanzten Obst- und Gemüsearten und -sorten
Im ehemaligen klösterlichen Nutzgarten gedeihen heute wieder Gemüse und Kräuter – so Salat, Porree, Sellerie, Möhren, Buschbohnen und Kohl, dazu Mangold und Artischocken –, gerahmt von Blumenrabatten, Hochstammrosen sowie reich blühenden und fruchtenden Zwergobstbäumen und Obstspalieren. Der Konventgarten möchte den Besuchern zweierlei vermitteln, einerseits das weitgehend autarke Leben der Mönche und andererseits die Verknüpfung von ziergärtnerischen und nutzgärtnerischen Können, so wie es sinngemäß Fürst Franz von Anhalt-Dessau formuliert hat, nämlich „Vom Nützlichen und Schönen“.

Eine Auswahl der heute in Konventgarten gepflanzten Zwergobstarten und -sorten sowie Spalierobst (mit Datum der Einführung)
Äpfel: Roter Eiserapfel (1630); Winterramour (1661/1628?); Berliner Schafsnase (1762); Gravensteiner (1788); Rheinischer Bohnapfel (1791); Goldparmäne (1800); Blenheimer Goldrenette (1809); Baumanns Renette(1811); Gelber Edelapfel (1859/1820?)
Birnen: Gute Luise von Avranches ((1690/1667?); Stuttgarter Geißhirtle (1795); Boscs Flaschenbirne (1810/1807ß); Köstliche von Charneu (1825); Gellerts Butterbirne (1838/1830?)
Spalierobst: neben Apfel und Birne wie oben auch: Hauszwetsche (1561); Große Grüne Reneklode (1588/1490?); Nancymirabelle (1690/1667?); Ungarische Beste (Aprikose) (1883/1868?)

Die Rekonstruktion des Apothekergartens 1999
Der 1999 eingeweihte Apothekergarten ist in seiner äußeren Gestaltung der Versuch einer Rekonstruktion des Zustandes aus dem 18. Jahrhundert. Die Einteilung der Flächen ist ebenfalls aus dem um 1712 entstandenen Kupferstich von Johann Stridbeck abgeleitet. Die Lage des Apothekergartens war zwingend, denn innerhalb des Krankenbaues befand sich seit Jahrhunderten die Apotheke. Die enge Verbindung der Apotheke als Raum mit Labor, Officin und Kräuterkammer und der Apotheke als Garten, in dem die Heilpflanzen angebaut wurden, ist in ihrem historischen Bezug eine Einmaligkeit im Bundesgebiet. Das sich direkt anschließende südlich gelegene Orangeriegewächshaus erlangt ebenfalls eine gewisse Bedeutung hinsichtlich der medizinischen Versorgung des Konvents, da die dort kultivierten Zitruspflanzen Lieferanten von Vitamin C und anderen Mineralstoffen waren. Ferner war die Apotheke im Kloster auch für die Versorgung der Landbevölkerung mit Arzneien zuständig. Damit bilden die Apotheke, der Apothekergarten und die Orangerie in diesem Beziehungsgefüge eine Einheit.
Der Garten wird gemäß den historischen Vorlagen von einem rechtwinkligen Wegesystem mit zwei Haupt- und einer Nebenachse gegliedert. Die Wege haben eine Breite von 60 cm, ein Maß, das sowohl in der Literatur als auch in anderen historischen Gärten vorgefunden wurde. Sie sind nicht nur gliederndes Element, sondern dienen gleichzeitig der Nutzung und leichteren Pflege des Apothekergartens. Als Stellkante zur äußeren Abgrenzung wurde Sandstein verwendet, für die innere Begrenzung Eichenholzbrettchen. Für die pflanzliche Einfassung der Beetflächen wurde Edelgamander gewählt.
Insgesamt präsentiert der Apothekergarten auf rund 600 m² Fläche etwa 200 verschiedene Heilpflanzenarten. Die Pflanzen sind beetweise den menschlichen Organen sowie bestimmten Leiden zugeordnet, für deren Heilung sie heute engesetzt werden oder früher eingesetzt wurden. Einige Pflanzenarten tauchen daher mehrfach auf. Alle Pflanzen sind ausgeschildert und tragen ein farbiges Signet. Dadurch können interessierte Besucher sich einzelne Pflanzen aufschreiben zu welchem Heilzweck sie förderlich sind und dienen oder ob sie gar giftig sind.

Eine Auswahl der heute im Apothekergarten gepflanzten Heilpflanzen
Arnika, Knoblauch, Großblütiger Fingerhut, Weiße Taubnessel, Mädesüß, Wilde Malve, Kamille, Pfefferminze, Kleiner Wiesenknopf, Gänsefingerkraut, Fenchel, Cacao, Wasserpfeffer, Tollkirsche, Himbeere, Gelber Enzian, Brunnenkresse, Lerchensporn, Große Kapuzinerkresse, Brennnessel.

Christine Fischer
Manfred Handke


Weiterführende Publikationen:

KALINOWSKI, Anja (2008): Die ehemalige Benediktinerabtei Seligenstadt. Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Broschüre 30, 1. Auflage, Regensburg.

MERK, Heidrun (1996): Kloster Seligenstadt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Broschüre 3, Bad Homburg und Leipzig.


Die Abbildung des Stiches von J. Stridbeck fecit. (1712) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Landschaftsmuseums Seligenstadt.
Die Abbildung des Stiches von C. Stengel (1638) aus der Monasteriologia II erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Staatsbibliothek Bamberg.

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